Der allgemeine Kunstbegriff aus der Sicht eines bildenden Künstlers, anhand der Erkenntniskunst von Joseph Beuys

Von einem Kunstbegriff zu sprechen ist heute beinahe schon verwerflich. In unzähligen Anschauungsarten meint man sei keine allgemeingültige mehr zu finden. Da alles aber einen gemeinsamen Ursprung haben muss, mit dem es verknüpft ist, so ist auch das Lossagen der Kunst von einer gemeinsamen Grundlage sicher kein bleibender Zustand. Das Aufheben künstlerisch erreichbarer Ziele und Aufgaben ebenfalls nicht. Kunst ist heute aber teilweise ziellos geworden oder wird so wahrgenommen, was dazu führte, manchmal nur noch Selbstzweck zu sein. Enorm ist diese Entwicklung, und sie ist auch nicht zu verachten. Es resultieren Freiheit, aber es droht auch Selbstverlust. Das allgemeine Selbstverständnis der Kunst muss neu erarbeitet werden. Ich will nicht sagen, dass die Kunst nur ein Mittel zum Zweck sein kann, aber in gewisser Weise ist sie es. Sie ist es in dieser Weise, wie ich es im folgenden darstellen will, also in einer beinahe paradoxen Weise, nämlich, um es vorwegzunehmen, indem der Zweck in ihrem Wesen liegt.
    Im fortgeschrittenen Laufe der Auflösung künstlerischer Zielvorstellungen tauchte Joseph Beuys auf, begründete eine Erkenntniskunst und stellte damit fest: Alles ist Kunst und jeder Mensch ein Künstler. Gerade dadurch könnte man meinen wird die Kunst ihrer letzten Orientierung beraubt, aber das Gegenteil ist der Fall. Das Gefühl, dass diese Feststellungen von Beuys der Kunst den Todesstoss versetzte, kommt mitunter daher, dass die  Kunst ohnehin rapide auf einen Todpunkt zusteuerte oder auch schon da angelangt war (Duchamp "readymades"). Es war aber gerade diese Situation der Auflösung, die es bedurfte für den Ansatz einer Neulösung. Die Erweiterung des Kunstbegriffs durch Beuys ist in erster Linie überhaupt erst wieder der Anfangspunkt eines Aufstiegs und universalen Selbstbewusstseins der Kunst. Ich möchte sagen, das was er da auf den Weg gebracht hat, ist eine spirituelle Dimension für die Kunst und deren Orientierung. Das heißt, dass diese Erkenntnisse sich ausrichten an einer evolutionären Idee, die als ihr Endziel, das Erreichen allumfassender, menschlicher Universalität verfolgt. Diese Universalität muss gleichzusetzen sein mit vollendeter Kreativität jeder Kreatur als evolutionäres Ziel. Die Kunst beinhaltet so gesehen also das Mittel und den Zweck zugleich, womit aber auch klar ist, dass alles auf dem Weg zu dem besagten evolutionären Ziel, Kunst sein muss und gar nicht anders kann. Das heißt allerdings nicht, dass es sich bei dem, um was es sich auch immer handeln möge, um gute Kunst handelt. Dies wäre ja auch insofern unlogisch, als damit das angestrebte Ziel unmittelbar vor der Erfüllung stünde und das ist ja bei weitem nicht der Fall. In dieser Form Beuys zu verstehen, reihen sich seine zahlreichen, genialen, wie einfachen Feststellungen ein, wie Beispielsweise "Kunst = Kapital", was ja nicht geldwertes Kapital meint, sondern Weltenkapital oder Universalkapital in Form kreativer, kreatürlicher Fähigkeiten. Um einem etwaigen Missverständnis zuvorzukommen ist noch mal zu betonen, dass es bei menschlichen Fähigkeiten nicht zwingendermaßen um gute geht, also dass zwar jeder Mensch grundsätzlich ein Künstler ist, aber noch nicht unbedingt ein guter. Es wäre sogar konsequenterweise auch von Antikunst zu sprechen, wenn eine Fähigkeit bzw. Unfähigkeit die Evolution von ihrem Ziel entfernt oder genauer gesagt, wenn diese sich gegen die Erlangung allumfassender Universalität der Schöpfung wendet. Universalität meint in diesen Zusammenhängen außer der vollendeten Kreativität, auch die damit zusammenhängenden Fähigkeiten, alle Existenz zu erkennen, also zu durchschauen und selbstbestimmt wesensgemäß zu handhaben. Solches zu erkennen oder zur Kenntnis zu nehmen und vor allem, weiterzuentwickeln scheint mir notwendig, und um es wiederum mit Beuys zu sagen: "Wer nicht denkt fliegt raus!" - und würde hinzufügen - raus aus der Evolution.
    Insgesamt, würde ich sagen, ist durch die dargelegte Anschauungsweise und Ausgangslage durchaus ein formulierbarer und universaler Kunstbegriff wieder vorhanden und im Grunde schon immer vorhanden gewesen. Auch wenn Beuys der Kunst die soziale Plastik hinzufügt oder besser überordnet, so beschreibt er damit den gesamten menschlichen Zusammenhang, der in diesem universalen Verständnis die Oberfläche bildet, die wir Kunst nennen. Ich meine also das wir gerade durch Beuys wieder die Möglichkeit haben, konkret zu werden, was den Kunstbegriff anbelangt, und ich spreche auch aus eigener praktisch-künstlerisch Erfahrung, dass es ein Missverständnis sein müsste, wenn man Beuys zuschreiben würde, die Kunst seiner letzten Orientierungen beraubt zu haben. Dass auf diesen Grundstock noch nicht spürbar aufgebaut wurde oder werden konnte, liegt wohl an der fehlenden Inspiration. Eine Schwierigkeit für die Konkretisierung eines solchen Kunstbegriffs liegt aber auch in der allumfassenden Dimension, und so geht dieser also mit den tiefsten Existenzfragen einher, da das Endziel der Evolution als eine künstlerische Tatsache angesehen werden muss.  


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