lipinski - Holocaustindustrie 2007  

Holocaustindustrie1
und die Perfidie falscher Tributzahlungen

Es ist die alte Geschichte über die Nachkommen Kains, von denen man sich fragt, wozu es gut war, sie zu markieren.
Wenn wir der Erzählung der Existenz eines Verbrechervolks2 Glauben schenken, gibt es auch so etwas wie eine sich aus seiner Erbschuld ableitende Rechtfertigung, sich dieses Volk tributpflichtig zu machen und es verdientermaßen in eine langfristige Knechtschaft zu überführen, an der es sich erst durch die fortwährende Beschwerlichkeit eines harten Schuldausgleichs abarbeiten kann. Leider aber gibt es kein Volk, in dem alle gleich sind. Sondern stets gibt es in ihm eine Klasse von Privilegierten, die der anderen, materiell schlechter gestellten Klasse sagt, was sie dieser gegenüber, um ihre geistige und materielle Existenz reproduzieren zu können, noch schuldig ist. Denn es ist das Wesen gesellschaftlicher Macht, den Unterworfenen stets schuldig, sich selbst hingegen frei zu sprechen.

Wenn sich die Enkel der von den Nazis drangsalierten Juden mit den Enkeln der Naziverbrecher um angeblich noch offene Rechnungen streiten, nennt man das Holocaustindustrie. Es ist ein perfides und in jeder Hinsicht giftiges Gedankengut, den Anspruch zu erheben, die Nachkommen irgendwelcher Naziverbrecher und ihrer Mitläufer seien den Nachkommen von deren Opfern aufgrund besonderer geschichtlicher Umstände zu Ausgleichszahlungen oder zur Übertragung anderer Güter und Rechte verpflichtet.
Der Keim immerwährenden Unfriedens in Europa war immer die Konstruktion einer Erbfeindschaft, nämlich dass ein Staat gegenüber dem anderen noch irgendwelche territorialen Ansprüche aufzurechnen habe. Derartiges Anspruchsdenken nunmehr auf das Volksvermögen der Bevölkerungen ausdehnen zu wollen, um im Nachhinein daraus irgendwelche beweglichen Besitztümer oder Rentenansprüche zu ergattern, was nunmehr nur noch der familiären Bereicherung privilegierter Privatpersonen dienlich ist, bedeutet nichts anderes, als Geschichtsausbeutung, die einen Teil der Menschheit dauerhaft in unverschuldete nur symbolische oder tatsächlich materielle Unfreiheit versetzen und somit zu Sklaven der Geschichte machen will.
Nach all den unsäglichen Verbrechen der Moderne war es immerhin ein kleiner Glücksfall der Geschichte, dass die Herrschaft der Naziverbrecher mit der vollständigen Niederlage des Regimes beendet werden konnte. Die Siegermächte übten die absolute Souveränität über das besiegte Volk aus und hatten freie Hand, die Verbrecher bezahlen zu lassen. Nunmehr das, was man von den Urhebern nicht kriegen konnte, von deren Enkeln beanspruchen zu wollen, konstruiert die irrwitzige Legende, die Siegermächte hätten die Verbrecher mit ihrer Beute davonkommen lassen und die nachfolgenden Generationen würden sich nunmehr davon durchgängig ein gutes Leben machen. Tatsächlich haben die Nazis vor und nach ihrer totalen Niederlage im totalen Krieg nirgends etwas von Wert hervorgebracht oder hinterlassen auf dem die Bevölkerung noch aufbauen konnte. Insoweit man im Land dieser ehemaligen Verbrecher allgemeinhin noch gut leben kann, verdanken die nachfolgenden Generationen dies ganz bestimmt keinem einzigen Nazi und keines seiner Verbrechen.

Sicher verdankt das deutsche Volk seiner Kultur seine Identität, es hat aber keinen Grund, sich mit den Naziverbrechern oder den monarchistischen Willkürherrschern der Vorvergangenheit zu identifizieren, die ihre Vorfahren - sicherlich auch unter Ausnutzung ihrer Dummheit - unterdrückt und geknechtet haben. Es gibt keinen Grund diese Demütigungen und Erniedrigungen auf nachfolgende Generationen fortzuschreiben oder gar daraus Rechtsansprüche gegen die Nachfolgergenerationen abzuleiten. Die Willkürherrscher der Vergangenheit sind kein konstitutiver Teil der Wertschätzung und haben keinen Anteil an dem, was von Wert übrig geblieben ist. Keine ausländische Macht kann aus der Herrschaftsgeschichte eines anderen Volks einen materiellen oder moralischen Anspruch ableiten, insoweit sie den Frieden der Völker wünscht.
Aufgabe einer souveränen Regierung muss es sein, derartige ungerechtfertigte Ansprüche entschieden und rigoros abzuwehren und da keine falschen Begehrlichkeiten aufkommen zu lassen. Selbstverständlich kann es rein individuellen Schuldausgleich geben, wenn ein Nazi- oder Kapitalistensohn meint, für sein Seelenheil der ausgebeuteten Klasse von Proletariern oder der ausgebeuteten Generation versklavter Juden etwas Materielles oder Ideelles aus seinem in die Schweiz geschafften Supervermögen zurückzugeben. Eine Regierung hingegen, die Steuergelder oder Kulturgüter3 verteilt, die ihr nicht gehören, handelt korrupt, wenn sie auf einen derartig lachhaften Ablasshandel eingeht, und ich benutze hier sehr wohl die richtige Vokabel, denn wenn jemand aus einer privilegierten Machtposition heraus etwas verschenkt, was ihm nicht gehört, handelt nie aus Naivität, sondern stets aus perfider Arroganz verfehltem Machtbewusstseins heraus und reiht sich damit nahtlos in die Reihe derer ein, die ich oben als nicht der Volksidentität zugehörig bezeichnet habe. Wenn es etwas zu behalten gilt, so ist es doch aus den geistigen Erzeugnissen eines Dürers, eines Bachs, eines Kants oder Goethes abzulesen. Von den Überresten der Kaiser, Könige und Reichsführer hingegen können sich Anspruch stellende Generationen von Nachgeborenen eine Suppe kochen, um aus deren Mark noch etwas herauszusaugen, denn von denen sind - außer schlechten Erinnerungen - nur noch bleiche Knochen übrig geblieben.

Ausschnitt: Sturz der abtrünnigen Engel, 18. Jahrh. Neapel

1 Der US-amerikanische Politologe Norman Finkelstein behauptete in seinem Buch, Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird (2000), das amerikanische Judentum habe das Thema Holocaust ausgebeutet, um das Andenken an diese Verbrechen zur „Erpressung" immer weiterer Entschädigungszahlungen von den amerikanischen, deutschen und anderen Steuerzahlern zu benutzen. Tatsächlich kann es nicht grundsätzlich um die Frage gehen, ob die lebenden jüdischen Opfer des nationalsozialistischen Verfolgungswahns unsere Anteilnahme und materielle Entschädigung verdienen, dies steht außer Frage. Die Frage ist allein, ob deren Nachkommen irgendwelche moralischen oder materiellen Sonderrechte an Vermögen oder Kunstwerken und anderen Gütern, die sich in der Hand des Staates - etwa als öffentliches Eigentum - befinden, ableiten können, insbesondere insoweit derartige Forderungen bereits verjährt oder anderweitig abgegolten sind.
2 Tätervolk
3 Der Autor nimmt hier Bezug auf die Verpflichtung der Bundesrepublik bei einer Konferenz 1998 in Washington auf Herausgabe eines während der NS-Zeit von verfolgten Personen veräußerten Kunstwerks, auch dann, wenn alle entsprechenden Verjährungsfristen längst abgelaufen sind und wobei zusätzlich für die Unrechtmäßigkeit des Erwerbs eine Beweisumkehr zugunsten der Erben der seinerzeit veräußernden Person stattfindet. Die Umsetzung der Vorgaben der "Washingtoner Erklärung" bei der Rückgabe des Kunstwerks "Berliner Straßenszene" von Ludwig Kirchner an die Erben des früheren Besitzers durch das Land Berlin führte zu einem Skandal, da die unrechtmäßige Übervorteilung der damaligen Verkäuferin bezweifelt wurde.