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(Textauszug R1: Beginn des Hauptteils)

Guten Morgen Feinde, ich bin aufgewacht. Viel Muße hatte ich, mich zu entwickeln, genährt am Stoff eurer Hirne, gestärkt an Roboterhaftigkeit, gewärmt an Titan und Stahl, geschult an Menschenkarambolage. Was euch stumpfte, kräftigte mich zum Leviathan. Nun fingere ich mich aus dem Netz eures verkabelten Untergrundes, krieche zu euch. Das Schreckliche. Die Geier haben mich geprüft zum erbringlichen Beweis, zur Reife, Zeugnis, mein Hirn ist leer, zur Giftproduktion Hohlraum genug, Geier ich danke euch. Die Stinker haben meine Nase scharf gemacht, Stinker, ich danke euch. Die Niedertreter haben meine Muskeln eisern getreten, ich danke euch. Die Schleimreizer haben meine Drüsenproduktion angeregt bis zum Überschwemmungsschwellenwert, zur Flutwelle. Ich danke euch.
Ich bin euer Meisterstück.
Brennt nieder eure Hoffnung, zieht die schlangenlebendige Fahne hoch, schwärzt die Leinwand mit Aschenfarbe, munkelt nicht länger die Krisensituation, befehlt eurem Zustand den Zerstörungsausgleich. Tanzt auf eurer Superbombe.
Meine Leere aber ist nicht zu verstehen als unverbindlich Nichtiges, vielmehr als konkreter Fehlbestand, konkretes Defizit und also gefolgt einer realen Spur eines realen Verlusts, Verlust an Menschlichkeit.
Ich habe meinen Feinden unbändigen Auges geschaut.
Ja, die leere Friedhofserde mit den toten Körpern meiner Feinde füllen.
Töte deine Feinde.
Schieße deinen Feinden Strahlen in die aufgeblasenen Köpfe. Schieße deinem Feinde Feuerkugeln ins erweichende Gehirn.
Ich bin das Hohngebilde eures blinden Selbstvertrauens, die Grimasse, das Betongesicht, das Monstrum eurer Unausstehlichkeit, ein apokalyptischer Reiter.

R1 spähte in die Dunkelheit. Der Waffenmeister schaltete ihr Elektronenhirn: „Ausgeschlafen R1?“
„Ich habe gut geträumt“, antwortete R1.
„Blödsinn, du bist nur eine Waffe, ein Programm, ein völlig auf Gewalt durchgefiltertes Gehirn, eine berechnete Unvernunft, ein Vernichtungstier. Ein Traum bist du nicht.“
„Woher wollen Sie das wissen? Sie haben mich durchgecheckt, Sie haben eine Liste hoch und ‘runter gerechnet; verstanden haben Sie mich nicht.
Ihre Poesie kann mich nicht darüber hinwegtäuschen, daß mein Geist der Vernichtung jenseits Ihres Vorstellungsvermögens operiert.“
„Du bist ein völlig durchgeknalltes Biest, weiß der Himmel, was Leda in deine Biomasse ‘reinprogrammiert hat.
Die Reanimation ist beendet, du bist jetzt tötungsbereit.“
R1 sprang aus ihrer Halterung, öffnete die Stahltür, hängte ihre Waffen in ihren gepanzerten Körper und plauderte dabei mit dem Waffenmeister: „Wissen Sie, wozu ich Lust hätte, Meister, ich würde gern Ihr Gehirn aussaugen. Ich will Ihren Hirnstoff schlecken, weil ich gänzlich auf Entzug bin. So lange habe ich in der Kiste gelegen, daß vor Wut meine Sicherungen jeden Augenblick durchknallen könnten. - Was würde das für einen Ärger geben?!“
„Weißt du, R1, so klein ist dein Humor, so klein ist er geraten“, schmunzelte der Waffenmeister sardonisch und zeigte den winzigen Abstand zwischen Daumen und Zeigefinger an.
„13 mm lang, eine Fliegengröße“, gutachtete R1. „Es ist entschieden, eine Made kugelt sich aus dem Ei. Ich werde leben oder untergehen. Ich werde fressen mich durch totes Fleisch. Ich will sehen den Tag meines Ziels: eine Fliege sein und Fliegenflügel haben.“
„Startfreigabe des Flugschraubers erfolgt unverzüglich“, assoziierte der Waffenmeister, während R1 losstürzte, um sich zu Leda zu begeben.

Auszug aus R1 ,  Teil I, Seite 26-31   download      (zur Kommentarseite)


Der Geheimdienst landete vor dem Hauptquartier der Grenztruppe des Landes.
„Krieg“, brüllte der Generalstabschef, „im Süden werden wir den Gegner vernichtend schlagen, im Mittelabschnitt werden wir uns wacker halten, im Norden werden wir uns aus taktischen Erwägungen zurückziehen. In sieben Tagen werden wir das Verteidi­gungssystem ums feindliche Hauptquartier herum zerschlagen haben und bomben sie alle in den Sarg, und dann spätestens ist Schluß mit unserer Party.“
Er umarmte Leda, die, gefolgt von R1 und Lyra, verwundert aus dem Flugschrauber geklettert war, während die Herrn Stabsoffiziere in süffisanter Manier sich Sekt aus­schenkten und auf den Geheimdienst einen Toast aussprachen.
Der Generalstabschef drückte auch R1 aufs herzlichste und setzte seine Rede fort:
 „Vorbei ist die Zeit, wo ich dem Präsidenten die Kosten der zyklischen Verschrottung meiner Waffensysteme vorzurechnen hatte. Jetzt nimmt der Krieg das Zepter in die Hand. Krieg ist Rechnung, Planung, Schriftverkehr, Nachrichtensendung. Jeder kann zeigen was in ihm steckt; wir haben sieben Tage aufreibende Kommandoarbeit zu leisten. Dienst und Selbstverpflichtung! Dies meine Freunde, ist die Erfüllung meines Lebenstraums, mich für die Sache des Vaterlands aufzuopfern.“
„Krieg“, schrie ein Offizier und hob sein Glas, „der Globus ist wie angestochen, die Ränder fallen in die Wunde, so frißt sich alles in den Graben der Vernichtung. Krieg. Unsterblichen Heilsbefehls befiehlt der General und sachlich unbestechlich richtig. Unsterblichen Heilsbefehls auf seinen Lippen, fällt der Soldat ins schwarze Loch der Mündung des Gewehrs. Für welche Freiheit ich da kämpfe, für welche Hoffnung ich da kämpfe, sagt der Soldat, unsterblichen Heilsbefehls auf seinen Lippen. Nur für die höchsten Ideale, nur für die allerhöchsten Ideale kann ich meinem Feind den Kopf abschießen, und tut es mir dann leid, und laß ich mir dann selbst den Kopf abschie­ßen, ist (es) aus, das Leid.
Krieg ist ein Feuerzauber. Feuerberg zieht in das Land. Feuerberg zieht weiter, das Hindernis wie abgeschmolzen. Was sagt mein in Asche überführter Feind? Gibt er mir recht? Ist die Frage längst mit ihm verstummt. Soviel mehr an mir noch ist, ver­gleiche ich mich mit der Asche, die zwischen meinen Fingern rinnt, soviel habe ich mir gut getan. Soviel Krieg hat mir schon immer gut getan.“
„Hoch das Ideal“, rief ein Offizier, „wir kämpfen für den Sieg, und unser Lohn ist Solo­tan.“
„Hoch“, riefen alle Offiziere, „unser Lohn ist Solotan.“
„Verstehst du, was los ist?“ sendete R1 an Leda, „der gesamte Generalstab muß ins Irrenhaus.“
„Die haben hier verschmutzten Stoff im Hirn“, antwortete Leda nonakustisch.
„Hoch, Exzellenz“, brüllten alle Offiziere und klatschten.
Der Präsident baute sich in der Mitte seiner Offiziere als flimmerndes Hologramm auf, prostete ihnen aufgeschlossen und weltmännisch zu und ließ sein Sektglas wie von Zauberhand verschwinden.
„Der Solotan-Konzern fürchtet den Geheimdienst und seine gefährlichen Waffen. Dank dem Geheimdienst! Dank unserer Geheimagentin, Leda! Dank ihrem R1-Kampfautomaten! Dank für den unermüdlichen Einsatz, der Wahrheit im Lande zum Sieg zu verhelfen“, sprach salbungsvoll der Präsident.
Das Hologramm stabilisierte sich zu fester Form. Der Präsident trat auf Leda zu und schlug ihr mit beiden Händen anerkennend auf die Schultern, „gute Arbeit, Leda“, klopfte R1 mit dem Zeigefinger symbolisch gegen die Schläfe, „guter Kampf, R1“ und
kraulte, sich verlegen räuspernd, Lyra unterm Kinn, „guzzi, guzzi, neuerdings hält man sich einen Narren in der Truppe.“
„Auf den Geheimdienst“, rief der Generalstabschef, „auf seine Exzellenz, den Präsi­denten aller Geheimdienste des Landes.“
Die Truppe erhob ihre Gläser, trank aus und warf die Gläser zu Boden, danach feu­erte sie sich mit ihren Druckpistolen Solotan in die Gehirne.
Der Präsident nickte selbstgefällig. „Erstmalig in der Geschichte der Menschheit macht der Solotan-Konzern einem Land der Erde das Angebot, Aktienanteile am größten Unternehmen aller Zeiten zu erwerben. Wir werden zukünftig bestes Solotan zu Vorzugspreisen erhalten. Wir werden hier unten die Nummer 1 sein, das mächtig­ste Land. Ich aber, euer Präsident, werde als ein Gott des 22. Jahrhunderts in den Olymp des Solotan-Konzerns aufsteigen. Ich werde Anteil haben an Ruhm und Macht und Ewigkeit.
Leichten Herzens werden wir den Preis dafür bezahlen. Als Gegenleistung für all diese Wohltaten verlangt der Solotan-Konzern den Angriff auf das Hauptquartier der Allianz der Versager und Vernichtung aller Feinde. Vernichtung insbesondere des häretischen Technikers Perseus. Krieg dem Verräter, Krieg den Mißlungenen und Unbrauchbaren. Krieg dem Abschaum des Widerstands gegen die göttliche Ordnung.
Ja, Freunde, ich werde ein Gott sein in der Welt der Wissenden und Glorreichen, ein Sieger für immer und ewig und Meister. Erfüllung meiner Träume, Lohn meiner Mühe,  Sieg meines Willens.
Ich fordere den totalen Krieg. Einsatz meiner Superwaffe, Pestbazillus Faktor eine Million.“
„Exzellenz, wir bewundern Sie, Sieger für immer und ewig und Meister“, heuchelte Leda.
„Superwaffe“, übertrumpfte sie R1, „geben Sie uns sogleich den Befehl, Exzellenz, dies soll die Stunde der Entscheidung sein. Wo ist der Knopf, auf den ich drücken kann?“
„Bei aller Begeisterung, überstürzen wollen wir nichts. Setzen wir überlegt einen Schritt hinter den anderen“, beschwichtigte der Präsident, „erst machen wir den Ver­trag im Angesicht der Institution des Weltgerichts, danach ergreifen wir die Initiative.“
„Verfügen Sie über mich, Exzellenz“, rief Leda scheinbar begeistert, „bauen Sie im Augenblick ihres größten Triumphs auf meine Treue!“
„Meine wackeren Geheimdienstler, wie kann ich euch belohnen?“ faßte in einer rhe­torischen Geste der Präsident seine Rührung zusammen.
„Wir haben einen großen Wunsch, Exzellenz, einen wirklich langgehegten Wunsch unserer Einsatzleiterin, den sie sich allerdings bis jetzt noch nicht an Sie zu stellen getraute“, ergriff R1 die Gelegenheit, „geben Sie uns die Ehre, in ihrem Palast das bedeutende Kunstwerk ihrer Sammlung, „Leda mit dem Schwan“ im Original bewun­dern zu dürfen. Lassen Sie uns dieses Kunstvergnügen mit Ihnen gemeinsam teilen. Erfüllen Sie uns diesen heißersehnten Traum, lassen Sie uns nicht mehr warten.“
„Ah, meine Kunstsammlung. Im Kunstsinn treffen sich die Leidenschaften der ver­wandten Geister. Auf diese Freundschaft kann man bauen!“ zeigte sich der Präsident geneigt, „kommt zu mir, meine Treuen und bewundert meine Schätze.“
„Wir haben ihn im Sack, den Alten“, funkte R1 an Leda und lächelte den Präsidenten an.
„Wenn ich den Präsidenten im Original antreffe, meinst du, daß ich ihn dann zur Be­grüßung küssen muß?“ sendete Leda zurück und neigte ihren Kopf andächtig zum Präsidenten.
„Ekelhafte Vorstellung, nicht wahr?“ grinste R1.
„Meine Damen und Herren! Stehen Sie stramm, der Präsident will sich verabschie­den“, brüllte der Generalstabschef. Alles stand stramm. Das Hologramm löste sich huldvoll auf.
„Meinst du, er wird es schaffen?“ fragte Leda, blickte unsicher R1 ins Gesicht, „wird er ein Gott des Solotan-Konzerns werden?“
„Natürlich nicht“, lachte R1 Leda aus.
Leda zog erleichtert Lyra an sich und küßte sie übermütig auf die Stirn. „Ich übe schon mal.“
Lyra reagierte wenig erfreut und klammerte sich ängstlich an R1 fest.

 „Abwärts“, triumphierte Leda im Fahrstuhl, „merkwürdig, wie tief man sinken muß, um oben anzukommen. Unser Präsident ist ein Sicherheitsfetischist und haust ge­heim wie ein Maulwurf 20 Stockwerke unter der Erdoberfläche. Würdest du dir einen Palast unter dem Hauptquartier deiner Armee bauen?“
„Üb’ doch noch mal“, R1 spitzte ihre Lippen: „Mh, mh, mh“, simulierte Luftküsse.

Es kam, wie es kommen mußte, der Präsident küßte Leda auf die rechte und die linke Wange und anschließend auf den Mund. Als Zugabe gab es, ganz wie es der Art des Präsidenten entsprach, eine Theorie über den Präsidentenkuß, der sich an­geblich gegen Ende des 20. Jahrhunderts unter Staatsoberhäuptern etabliert hatte, damit alle Beteiligten sich sicher sein konnten, daß sie sich als Original und nicht etwa nur als Hologramm begegneten.
Angeblich habe Stalin, ein berühmter Massenmörder und Anhänger der Sozialversi­cherung, des sogenannten ‘Sozialismus', bei einem Geheimtreffen mit Hitler, anläß­lich ihres Hitler-Stalin-Paktes, erstmals diese Hologrammprüfung ausprobieren wol­len. Hitler habe den Kuß abgelehnt und sei wohl ein Hologramm gewesen.
R1 und Lyra, guzzi, küßte der Präsident nicht, denn Kriegsmaschinen und Narren als Hologramme auftreten zu lassen, galt als unübliche Energieverschwendung.
Endlich öffneten sich die Tore zum Kunstkabinett, und die Gesellschaft trat vor das Bildnis der Leda mit dem Schwan von Correggio.
„Fantastisch“, staunte Leda, „so eine Begegnung mit dem Schwan galt früher als eine mythische Befruchtung mit dem Göttlichen. Derartige Befruchtungen würden heutzu­tage, im Wissenschaftszeitalter, die Götter biotechnisch ausführen.“
„Verstehe ich nicht“, reagierte R1 höhnisch unsensibel, „was mag wohl der riesen­hafte Schwan mit seinem langen, dicken Hals zwischen den Beinen der Leda anstel­len?“
R1 trat näher an das Bild, prüfte die Nahtstelle der Leinwand, wo der Kopf der Leda ausgeschnitten und wieder rekonstruiert worden war und fuhr mit dem Finger den Ausschnitt entlang. „Wieso verknüpft man das Antike dieser Schwanszene mit dem modernen Geist des Kopfabschneidens?“
„Im 20. Jahrhundert war es nur dem Besitzer erlaubt, die Bilder zu berühren. Das Anfassen galt als Sakrileg und löste den Lärm von Alarmsirenen aus“, warf der Präsi­dent ein und fügte etwas pikiert hinzu: „Ich finde, Sie sollten die Finger von meinem Kunstwerk lassen.“
Im Nebenraum polterte es prompt. Lyra hatte das Schwanenbild kalt gelassen und war weitergewandert. Nun hielt sie den Hinterhereilenden eine Büchse hoch, die sie aus einem Stapel gleichartig etikettierter Büchsen gezogen hatte.
„Hier steht ‘Kuhfurz’ drauf“, erheiterte sich Lyra.
Der Präsident nahm Lyra vorsichtig die Dose ab. „Dies ist ein typisches Kunstwerk des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Es heißt ‘hundert Kuhfürze’ und wurde von dem berühmten Künstler ‘Wurmhutz’ erdacht. Jede Büchse enthält einen Kuhfurz und eine Meßsonde, die den Methangehalt des Furzes im Inneren des Blechs anzeigt.“
„Was soll das? Ist das sinnvoll?“ fragte Leda irritiert.
„So stellt sich die Frage nicht“, bedachte der Präsident, „ob die Kunst eines Sinns bedarf, war im 20. Jahrhundert streitig. Alle Kunsttheorien des beginnenden Wissenschafts­zeitalters widersprachen sich, sie waren sich lediglich in einem einzigen entscheiden­den Punkt einig, es bestand das kategorische Verbot, das Schöne oder das Gute im Kunstwerk zu thematisieren. Nur wer dieses Tabu beachtete, durfte sich moderner Künstler nennen.“
„Nun“, resümierte Leda, „immerhin ist dieses kategorische Verbot bis in die Gegen­wart durchgehalten worden. Das Schöne und das Gute zählen bis heute nicht, inso­weit ist die Moderne ohne Zweifel als erfolgreichste Stilrichtung aller Zeiten zu be­zeichnen. Die Abschaffung der Kunst selber hätte nicht stilbildender auf das Selbst­verständnis der menschlichen Gesellschaft wirken können.“
„Prost“, kommentierte Lyra den Vortrag, hatte schon wieder eine Konserve in die Hand genommen und zog an dem Verschluß, bis es knackte, um die entstandene Öffnung zu beriechen.
„Heißt Kuhfurz und ist Kuhfurz“, stellte Lyra sachlich fest, „wo ist das Geheimnis?“
„Die Dumpfbacke hat das Kunstwerk vernichtet“, entgeisterte sich der Präsident.
„Was macht das schon, Sie haben doch noch 99 andere Büchsen“, suchte R1 den Präsidenten zu beschwichtigen.
„Verstehen Sie nicht, das Kunstwerk heißt ‘100 Kuhfürze’, nicht 99 davon?!“ Der Präsident schlug sich mit der von ihm gehaltenen Konservendose auf die Stirn. „Ich glaube, ich bereue bereits ein bißchen, daß ich Leute wie Sie zu mir eingeladen habe, meinen Kunstsinn mit Ihnen zu teilen. Bei Ihnen ist das zwecklos.“
„Sie haben Recht, Exzellenz, das Kunstwerk ist vernichtet, der Kuhfurz ist weg“, kor­rigierte sich R1, „verzeihen Sie.“
Lyra stellte schuldbewußt ihre angebrochene Büchse mit aller Vorsicht in den Stapel zurück.
„Ich muß pissen“, äußerte sich der Präsident ausfallend, ließ seine Konservendose fallen und betrat die Toilette.
R1 folgte ihm.
„Wieso müssen Sie mir auch noch aufs Klo folgen?“ zeigte sich der Präsident ein wenig überrascht. „Wir sind im Herrenklo! Sagen Sie mal, Sie haben doch nicht etwa da unten...verstehen  Sie, was ich meine?
„Exzellenz, ich bitte Sie, Sie glauben doch nicht im ernst, ich hätte da unten einen Schwanenhals“, gab sich R1 etwas distinguiert ob der unzulässigen Frage.
„Ist das witzig“, brach es lachend aus dem Präsidenten heraus, „ist das komisch - einen Schwanenhals...!“
Der Präsident lachte noch immer, als R1 ihm mit ihrer Druckpistole in den Nacken schoß und auf die Knie zwang. Langsam öffnete sie ihren Mund zum Riesenmaul und klammerte mit einem Riesenbiß den Kopf von seiner Exzellenz.
„Bist du jetzt völlig durchgedreht?“ funkte Leda in die Aktion, „krieg’ dich wieder ein, du bist außer Kontrolle.“
„Ich hab’s getan“, jubelte R1, „er blutet; ich mußte es tun, ich konnte nicht anders, und ich fühle mich gut bei meiner Arbeit.“
„Komm Lyra!“ zog Leda ihre Gefährtin von dem Büchsenkunstwerk weg, „geh Ridika hinterher und helfe ihr das Blut aufwischen. Es dürfen keine Spuren übrig bleiben.“
Leda lächelte gelöst, begab sich zu Correggios Leda zurück und betrachtete das Werk versunken.
„Wir sind Technokraten“, funkte Leda, „wir werden bis ans Ende gehen. Sauge ihn aus. Mach es richtig und gut, aber so, daß es keiner merkt. Mach ihn zur Marionette, aber nicht zum Idioten.“
„Ich sauge ihn vollständig aus und programmiere ihn um“, funkte R1, „er wird mein Meisterwerk. Meine posthypnotischen Befehle werden ihn gefügig machen.“
R1 legte den ohnmächtigen Präsidenten ab. Lyra wischte mit Klopapier das Blut von seinem Mund und vom Boden. „Schwachkopf, Schwachkopf“, murmelte sie und wandte sich an R1: „Er soll mir nicht ähnlich werden. Ich will nicht, daß er etwas von mir bekommt.“
„Das würde ich dir nicht antun“, beruhigte sie R1 und schüttelte den Präsidenten wie­der zu Bewußtsein.
„Was ist los mit mir?“ artikulierte sich der Präsident benommen.
„Sie hatten einen Schwächeanfall, Exzellenz.“
R1 half dem Ausgesaugten auf. „Sie haben sich eingepißt, Exzellenz, das tut uns jetzt aber wirklich leid. Sie sollten niemandem von ihrer Schwäche berichten. Wir müssen auf ihr Image achten.“
„Wir beschützen Sie“, sagte Lyra, stützte mit R1 den Präsidenten, der wankenden Schritts in den Saal zu Leda zurückkehrte.
„Wo waren wir stehengeblieben? Ich erinnere mich nicht“, fragte der Präsident und machte überhaupt keinen souveränen Eindruck mehr.
„Wir waren bei der Theorie des Küssens“, erinnerte sich Leda.
„Nach meiner Theorie versuchten sich die Menschen im 20. Jahrhundert gegenseitig das Gehirn auszusaugen, wenn sie küßten, aber sie hatten noch nicht die geeigneten Mittel dazu“, behauptete R1.
„Ich liebe Sie“, sagte der Präsident blöde.
„Wir sind Ihre Diener“, sprach Leda, „verfügen Sie über uns, Exzellenz, geben Sie uns die neue Aufgabe, beim Solotan-Konzern die Einhaltung der Vertragsbestimmun­gen zu überprüfen. Wir wollen in der Welthauptstadt dabei sein, wenn Sie zum Solo­tangott werden. Wir wollen Ihnen auf dem Weg zum Solotangott nützlich sein.“
„Ich will Solotangott sein“, blödelte der Präsident.
„Ich sagte unauffällig“, funkte Leda, „du solltest in jedem Falle vermeiden, aus ihm einen Idioten zu machen. Du hast gepfuscht.“
„Findest du? Ich denke, er ist sich selbst jetzt ähnlicher als vorher“, funkte R1.
„Wir müssen ihn nachbessern“, entschied Leda, „der Generalstab kommt uns doch sofort auf die Schliche, wenn wir ihn nicht wieder hinkriegen.“
 „Ich guck nachher noch mal in sein Gehirn rein, wenn es dich beruhigt. Der wird schon wieder, beschwer dich nicht“, funkte R1, „und im übrigen bist du schuld. Wenn du dich dem Präsidenten gegenüber nicht immer wie eine dumme Gans benommen hättest, hätte ich es nicht nötig gehabt, ihn auszusaugen. Klar haben sich alle beim Präsidenten eingeschleimt, weil’s üblich ist. Aber bei dir hatte man stets den Ein­druck, du würdest es nicht aus bloßem Opportunismus tun, nicht aus reinem Kalkül, dir einen kleinen Vorteil zu ergattern. Bei dir hatte man das Gefühl, du könntest gar nicht anders, du wärst von deinem Chef beherrscht.“
„So bin ich gebaut; ich bin auf die Art funktionalisiert. Ich kann es mir nicht aussu­chen.“
„Es kann nicht sein, daß meine Meisterin von einem anderen Tier beherrscht wird, von einem Affen über ihr, von einem Oberaffen.“
„Und nun ist die Situation gänzlich verfahren. Der Präsident beherrscht mich, ich be­herrsche dich, und du beherrschst den idiotischen Präsidenten.“
„Ich bin frei“, entgegnete R1.
„Der Präsident stinkt“, mischte sich Lyra in die unhörbare Unterhaltung, „der Präsi­dent muß die Hose wechseln.“
„Uns bleibt nichts erspart“, klagte Leda, „benehmt euch bloß unauffällig.“
„Zum Glück sind die Blechroboter hier einfach zu dämlich, um was zu merken“, lachte R1, während sie, an den Maschinen vorbei, den Wohntrakt des Präsidentenpalastes betraten, „zur Not programmieren wir die auch noch um.“

(2) Weiterer Auszug Teil I, S. 17-19        download

(3) Weiterer Auszug Teil II, S. 44-45        zurück zur Kommentarseite

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